Tourenplanung

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Komplexitätsproblem

Viele Problemstellungen der Logistik zeichnen sich durch ihre Komplexität aus. Diese Grundeigenschaft ist auch in der Tourenplanung zu finden. Während es bei 2 Kundenstandorten noch recht einfach ist eine optimale Tour zu finden, sieht das Problem bei nur 6 Standorten schon ganz anders aus. Aber selbst diese 6 sind überschaubar, wenn man sich die riesigen Mengen vor Augen führt die ein Paket-Expressdienst täglich transportiert. Da die genaue Erläuterung der Komplexität viel zu weit führt, hier nur soviel:

Die genaue Anzahl aller möglichen Lösungen lässt sich mit folgender Formel berechnen.

Das Ausrufezeichen heißt "Berechnung mit Fakultät" und bedeutet, dass der Multiplikator vorher mit allen kleineren natürlichen Zahlen und sich selbst multipliziert wird. So zum Beispiel: 6! = 1*2*3*4*5*6 = 720

Ein Gedankenspiel zeigt wie schnell das Problem der Tourenplanung unübersichtlich werden kann.

Es gibt einen zentralen Standort von dem aus die Bedarfe aller Kundenstandorte gedeckt werden sollen. Der Einfachheit halber soll gelten, dass ein Stopp den gesamten Bedarf des Kunden deckt. Jeder Kunde darf nur einmal angefahren werden. Start und Endpunkt ist immer das Lager, alle möglichen Kombinationen sind zulässig.

  • 2 Kunden (A+B) = 4 Tourenmöglichkeiten
    • Lager -> A -> Lager -> B -> Lager
    • Lager -> B -> Lager -> A -> Lager
    • Lager -> A -> B -> Lager
    • Lager -> B -> A -> Lager
  • 3 Kunden (A+B+C) = 42 Tourenmöglichkeiten
    • Lager -> A -> Lager ->B -> Lager -> C
    • Lager -> B -> Lager ->C -> Lager -> A
    • Lager -> C -> Lager ->A -> Lager -> B
    • Lager -> A -> B -> Lager -> C
    • Lager -> A -> C -> Lager -> B
    • Lager -> A -> B -> C -> Lager
    • Lager -> A -> C -> B -> Lager
    • Lager -> B -> A -> C -> Lager
    • Lager -> B -> C -> A -> Lager
    • Lager -> C -> A -> B -> Lager
    • Lager -> C -> B -> A -> Lager
    • etc.
  • 6 Kunden (A+B+C+D+E+F+G) = 45.630 Möglichkeiten (!!!)

Es ist keineswegs gesagt, dass jede dieser Lösungsmöglichkeiten sinnvoll ist. Sondern lediglich dass es sie gibt. Vom Lottoschein des letzten Wochenendes, der mal wieder nicht den Hauptgewinn gebracht hat, wird ja auch niemand behaupten dass er sinnvoll war. Trotzdem hat man genau diese Kombination gewählt. Dort ist das Problem also sehr ähnlich. Die Aufgabe besteht nun darin mittels geeigneter Modelle die beste Lösungsoption aus allen vorhandenen Alternativen zu ermitteln. Dazu gibt es einige heuristische Lösungsansätze, die man durchaus als Standardverfahren ansehen kann.

Die eben erwähnten Standardlösungsverfahren sollen hier nicht tiefgehend erläutert, aber einige kurz beschrieben werden. Allen gemeinsam ist, dass sie

  • mit realistischem Rechenaufwand lösbar sind
  • die Lösungen durchschnittlich in der Nähe des Optimums liegen (also suboptimal sind!)
  • sie sind problembezogen aber in gewissen Grenzen allgemeingültig, sie sind keineswegs als genereller "Speziallösungsweg" zu sehen.
  • Zielsetzung ist Satifizierung, nicht Optimierung - es reicht eine Lösung die besser ist als der aktuelle Zustand
  • unvollständige oder ungenaue Daten führen zu Fehlern die größer sind als die Verfahrensfehler. - soll heißen: ein solches Verfahren kann (nicht muss) unter Umständen eine Lösung liefern die 90%ig optimal ist. Ungenaue Daten liefern aber eventuell nur Lösungen die zu 60% optimal sind.

einige heuristische Lösungsmodelle:

Savings-Modell

  • Eröffnungsverfahren
    • Ausgangspunkt: jeder Bedarfsort wird Anfangs mittels Pendeltouren bedient
      • Lager -> Kunde A -> Lager
      • Lager -> Kunde B -> Lager
      • Lager -> Kunde C -> Lager
      • Lager -> Kunde D -> Lager
      • etc.
Anschließend versucht man die Pendeltouren schrittweise zusammen zu legen.
  • Lager -> Kunde A -> Kunde B -> Lager
  • Lager -> Kunde C -> Kunde D -> Lager
  • etc.

Dabei ergibt sich eine Verringerung der Transportkosten, da zum Beispiel der Rückweg von Kunde A zu Lager und der Hinweg von Lager zu Kunden B entfällt. Als Mehraufwand kommt die Strecke von Kunde A zu B hinzu. Die Tourenkombination mit dem größten Sparpotential stellt die Lösung dar.

 

Sweep-Verfahren

  • Sweep-Verfahren
    • Ermittlung der Polarwinkel jedes Kundenstandortes (der Winkel im Koordinatensystem von X-Achse zu den Koordinaten des Kunden in Verbindung mit der Länge des Vektors (Abstand "Luftlinie" Nullpunkt zu Kunde)) Mittels des Polarwinkels kann der Standort jedes Kunden genau definiert werden
    • Sortierung der Kunden, aufsteigend nach den ermittelten Winkeln
    • erste Lösungsmöglichkeit beginnt bei Standort mit dem kleinsten Winkel und endet beim Standort mit dem größten Winkel
    • zweite Lösung: Beginn bei Standort mit zweitkleinstem Winkel, Ende bei Standort mit kleinsten Winkel
    • weiterführen bis jeder Standort einmal der Erste war.
    • Entscheidung für Lösung mit den geringsten Kosten

Greedy-Verfahren

  • besagt im Grunde: gehe zum nächstgelegenen Kunden

Verbesserungsverfahren

  • modifizieren bekannte, zulässige Lösungen um effizientere Lösungen zu finden

    • zum Beispiel mittels Maximalkapazität der Fahrzeuge
    • Liefertermine
    • Befähigungen der Fahrer
    • etc.
  • r-Opt-Verfahren (oder r-Kanten-Tausch)
Das Ziel ist erreicht wenn eine ausreichend gute Lösung gefunden wurde. In aller Regel findet man nicht die optimale Lösung. Es sei denn die Ausgangsdaten basieren auf Expertenwissen, welches die Lösung einzigartig und nicht übertragbar auf andere Probleme macht. Anwendung finden können diese Tourenplanung nicht nur bei Auslieferungsfahrten von Paketdiensten. Auch Kommissionierer in Lagern können mittels Tourenplanungen effizienter eingesetzt werden. Erweitern läßt sich das Problem der Tourenplanung wenn man nicht mehr davon ausgeht, dass nur geliefert wird, sondern bei Kunde B Ware aufgenommen und während der Liefertour bei Kunde F zugestellt wird. Die Ware das Zentrallager oder den Bereitstellungspunkt also gar nicht berührt. Eine Lösungsmöglichkeit dafür wird durch das Rich Pick-up and Delivery Problem modelliert.

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